| Deutschland/Kanada: Gewalt in kirchlichen Internaten |
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| Tuesday, 23. February 2010 | |
| von Administrator | |
Gerade kocht in den deutschen Medien das Thema der Gewalt und des
sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Internaten auf.
In Kanada war die kirchlich organisierte Gewalt an indianischen Kindern
noch weit aus schlimmer. Der kanadische Geistliche Rev. Kevin Annett[1] deckt als
"Whistleblower" seit mehr als 15 Jahren die Verbrechen in den
Internatsschulen für indianische Kinder (Residential Schools) auf, die
in Kanada bis 1969 von den Kirchen (und noch bis 1996 vom Staat)
betrieben wurden. Allein nach offiziell akzeptierten Schätzungen
starben dort mindestens 50.000 Kinder. Die Todesrate nach fünf Jahren
Schulbesuch lag zumindest bis in die 1930er Jahre hinein zwischen 35
und 60 Prozent[2]. Die an den Kindern verübten Verbrechen beinhalteten physische Gewalt
und Folter, sexuellen Mißbrauch, medizinische Experimente und
Sterilisationen, kulturelle "Umerziehung", bis hin zu Mord.Jetzt ist er vom 19. – 26. April 2010 mit Vorträgen und Filmvorführungen in Deutschland unterwegs. Der größte Teil der Kinder starb an Tuberkulose, denn Infizierte wurden meist nicht behandelt und auch nicht von den Gesunden separiert. Die Kinder wurden häufig von der RCMP (den "Mounties") ihren Familien entrissen und den Internaten zugeführt, wo augenscheinlich, wie auch die kanadische Regierung nicht mehr bestreitet[3], "der Indianer im Kind getötet" werden sollte. Daher wird das System der Residential Schools auch als Teil eines "kulturellen Genozids" bezeichnet. Viele Probleme in den Communities der Ureinwohner – wie Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Gewalt in Familien, Suizide und psychische Krankheiten – werden als direkte Folgen der Sozialisation in den Residential Schools begriffen. Rev. Annetts Arbeit war maßgeblich dafür verantwortlich, daß sich die Regierung von Stephen Harper im Juni 2008 offiziell bei der indianischen Bevölkerung für den Horror der Internatsschulen entschuldigt[3] und einen Entschädigungsfonds aufgelegt hat. Allerdings werden Täter und Verantwortliche in Staat und Kirche bis zum heutigen Tag nicht belangt – unter anderem deshalb, weil die kanadische Strafverfolgung nur weisungsgebunden arbeitet. Auch werden die Opfergräber nicht identifiziert. Rev. Annetts persönliche Geschichte ist eng mit dem Aufklärungsprozeß verbunden. So verlor er wegen seiner Aktivitäten nicht nur sein Pfarramt und findet keine neue Anstellung, sondern auch seine Ehe wurde zerstört und die Familie auseinandergerissen. Offiziell wurden jedoch nie Anschuldigungen gegen Rev. Annett seitens der Kirche erhoben. – Ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007 mit dem Titel "Unrepentant" beleuchtet die Geschichte von Kevin Annett und das Schicksal der indianischen Kinder an den Internatsschulen. Der Film wurde auf Festivals in New York und San Francisco ausgezeichnet. In der fast zweistündigen Dokumentation kommen auch Überlebende der Internate zu Wort, um die sich Rev. Annett kümmert und deren Stimme er ist. Der Film ist in unserem Medienbereich zu sehen! Kevin Annett und die Opferorganisation "Friends and Relatives of the Disappeared" (FRD) suchen international Unterstützung für eine "unabhängige Untersuchung des Genozids in Kanada", welcher mit den Internatsschulen auch durch die Kirchen betrieben wurde. Eine nach Stephen Harpers Entschuldigung ins Leben gerufene "Versöhnungskommission" leistet diese Arbeit nur ungenügend, v.a. was die rechtliche Verfolgung der Täter angeht. Kommissionsmitglieder wurden u.a. von den Kirchen selbst berufen. – Im Herbst 2009 war Rev. Annett deshalb in Europa (England, Irland, Italien, Vatikan). Für April ist eine Folgereise geplant, wobei er u.a. mit Vertretern des Vatikan zusammentreffen wird. In der Woche vom 19.-26. April kommt Kevin Annett dabei erstmalig auch nach Deutschland. Er wird von einer indianischen Frau begleitet, die selbst Überlebende einer Residential School ist. Rev. Annetts Vorträge sind informativ, sachlich und eindringlich. Das Zusammentreffen des "Aufbrechens der Kirchenmauern" in Europa (Vatikan, Irland, neuerdings auch Deutschland) mit dem Fokus auf Kanada und seiner Bevölkerung anläßlich der Olympischen Winterspiele ist eine Situation, in der ein Maximum an Aufmerksamkeit und Sensibilisierung erreicht werden kann. Dies zu nutzen, um über das Thema aufzuklären, wäre im Interesse der indianischen Opfer und Überlebenden der Residential Schools. Gesucht werden noch Spenden für Reisekosten und Unterkunft!!! [1] Website von Rev. Kevin Annett / Friends and Relatives of the Disappeared: http://hiddenfromhistory.org [2] http://de.wikipedia.org/wiki/Residential_Schools_%28Kanada%29 [3] Prime Minister Stephen Harper's statement of apology (excerpts), CBC News, June 11, 2008 http://www.cbc.ca/canada/story/2008/06/11/pm-statement.html |
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Gerade kocht in den deutschen Medien das Thema der Gewalt und des
sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Internaten auf.
In Kanada war die kirchlich organisierte Gewalt an indianischen Kindern
noch weit aus schlimmer. Der kanadische Geistliche Rev. Kevin Annett[1] deckt als
"Whistleblower" seit mehr als 15 Jahren die Verbrechen in den
Internatsschulen für indianische Kinder (Residential Schools) auf, die
in Kanada bis 1969 von den Kirchen (und noch bis 1996 vom Staat)
betrieben wurden. Allein nach offiziell akzeptierten Schätzungen
starben dort mindestens 50.000 Kinder. Die Todesrate nach fünf Jahren
Schulbesuch lag zumindest bis in die 1930er Jahre hinein zwischen 35
und 60 Prozent[2]. Die an den Kindern verübten Verbrechen beinhalteten physische Gewalt
und Folter, sexuellen Mißbrauch, medizinische Experimente und
Sterilisationen, kulturelle "Umerziehung", bis hin zu Mord.